Der Geruchssinn ist stärker als der Verstand

der duft karl olsbergMan nennt es auch den „vergessenen Sinn“: Unser olfaktorisches System, mit dem wir Gerüche aufnehmen und verarbeiten, ist das am meisten unterschätzte Sinnesorgan. Die menschliche Nase kann etwa 10.000 verschiedene Gerüche unterscheiden. Wir können ein einziges Milligramm des Knoblauch-Duftstoffs Methylmercaptan aus 25 Millionen Kubikmetern Luft „herausriechen“ – fünfmal so viel, wie in die größte freitragende Halle der Welt passt.

Der Geruchssinn ist sehr eng mit unserem Gefühlssystem verbunden. Gerüche wecken oft Erinnerungen in uns, die schon sehr lange zurück liegen, und können sehr starke Emotionen auslösen. Es ist zum Beispiel viel schwerer, üblen Gestank zu ertragen als Lärm oder erschreckende Bilder. Angenehme Gerüche dagegen lösen Wohlbefinden und Sympathie aus – die Grundlage für die Parfümindustrie.

Der Einfluss des Geruchssinns ist oft sehr subtil. Um einen Geruch wahrzunehmen, reicht ein Fünfzigstel der Konzentration aus, die wir brauchen, um den Geruch benennen zu können. Manche Gerüche, die so genannten Pheromone, nehmen wir überhaupt nicht bewusst wahr.

Lange glaubte man, dass solche Duft-Lockstoffe nur im Tierreich wirken. Doch neuere Forschungen zeigen, dass auch Menschen für Pheromone empfänglich sind. So konnte nachgewiesen werden, dass sich bei Frauen, die in einer Wohngemeinschaft zusammen leben, die Menstruationszyklen mit der Zeit synchronisieren – gesteuert durch ein Pheromon. Im Männerschweiß enthaltene Pheromone wirken stimulierend auf Frauen, auch wenn im Internet angebotene „Super-Sex-Lockstoffe“ in aller Regel unwirksam sind.

Was wäre, wenn es gelänge, unseren Geruchssinn so zu manipulieren, dass damit der Verstand vorübergehend ausgeschaltet wird? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich den Thriller „Der Duft“ schrieb. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die erfolgreiche Unternehmensberaterin Marie, die finsteren Machenschaften in einem Pharmaunternehmen auf die Spur kommt. Gemeinsam mit ihrem jungen Kollegen Rafael findet sie sich mitten in Afrika wieder, wo sie Terroristen, Banditen und den Gefahren der Wildnis trotzen muss. Um einen verheerenden Anschlag zu verhindern, muss sich Marie schließlich ihrer eigenen, traumatischen Vergangenheit stellen.

Anders als in meinem ersten Roman „Das System“, der zurzeit im Auftrag von RTL verfilmt wird, geht es diesmal nicht in erster Linie um Technologie. Im Mittelpunkt des Romans steht der Mensch, der sich von seinen tierischen Vorfahren viel weniger unterscheidet, als wir uns gern einreden. Denn unser Verstand ist manchmal nur eine dünne, brüchige Hülle, die gegen unsere Instinkte und manche Sinneseindrücke machtlos ist.

Ein Gastbeitrag von Karl Olsberg