Karen Joy Fowler, Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

Karen Joy Fowler

Karen Joy FowlerKaren Joy Fowler, die amerikanische Bestsellerautorin, ist hierzulande nicht so bekannt, wie sie sein könnte. Möglicherweise erinnern Sie sich nur an den Titel Der Jane Austen Club und den gleichnamigen Film. Mit diesem Buch kam Karen Joy Fowler sogar in die New York Times Bestseller-Liste. Sie schreibt über Frauen, Emanzipation und Entfremdung. Zwar sind das feministische Themen, doch verpackt sie ihre Anliegen unterhaltsam, spannend, preisgekrönt, mainstreamig, inspirierend.

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke: Ebenfalls preisgekrönt

Ihr jüngstes Werk Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke erhielt 2014 den weltweit bekannten PEN/Faulkner Award, den California Book Award und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize. Insider des Buchgeschäfts wissen, dass deutsche Verlage gerne auf Bewährtes setzen, denn es macht mehr Mühe, deutsche Autoren zu Bestsellern aufzubauen als schnell mal in der angloamerikanischen Welt für teures Geld eine Lizenz einzukaufen. Also bleiben wir kritisch!

Ob der Titel Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke besser ist als der originale We are All Completely Besides Ourselves (etwa „Wir sind alle total verwirrt“) müssen Sie selbst beurteilen. Meines Erachtens trifft der Orginaltitel besser. Denn dass die beiden Schwestern, die in dem Buch als sehr unterschiedlich geschildert werden, fabelhaft sein sollen, kann ich nicht erkennen.

Inhalt der Familiengeschichte

In einer märchenhaften Atmosphäre steht ein Haus mit einem Garten, in dem wohnten ein Apfelbaum, ein Bach und ein kleine Katze mit mondgelben Augen. Hier wachsen drei Kinder auf: Rosemary, ihre ungestüme Schwester Fern und ihr großer Bruder Lowell. Sie könnten eine ganz normale Familie sein. Wäre ihr Vater nicht Wissenschaftler, und wäre Fern nicht ein ganz besonderes kleines Mädchen, das Wachsmalstifte verspeist, den perfekten Rückwärtssalto beherrscht und lacht wie eine Säge. Jahre nach Ferns Verschwinden erzählt Rosemary nun deren Geschichte und die Familientragödie, die mit Fern verbunden ist. Denn erzählen war das Einzige, was Fern nie konnte. So der Klappentext zum Inhalt des Buches.

Rosemary beginnt über Fern zu schreiben, als sie längst studiert: „Ich vermisste ihren Geruch und ihren feuchtklebrigen Atem im Nacken. Ich vermisste ihre Finger, die mir durch die Haare fuhren. Immer saßen oder lagen wir nebeneinander, tagaus, tagein hatten wir unsere Hände aneinander, all das fehlte plötzlich. Meine Haut hungerte nach diesem Kontakt. Ich entwickelte Stereotypien, schunkelte, ohne es zu wissen, hin und her, bis jemand sagte, ich solle damit aufhören. Ich riss mir zwanghaft die Augenbrauen heraus, zerbiss meine Finger, bis Blut kam.“

Erst nach und nach begreift der Leser, dass Fern nicht eine menschliche Schwester ist, sondern ein kleiner Schimpanse, den der Psychologenvater in die Familie aufnahm, um menschlich-tierische Interaktionen zu untersuchen. Deutlich wird, dass es auf der einen Seite ein sehr vergnügliches Zusammenleben von Mensch und Tier im Hause Cooke gab, dass es aber andererseits zu Chaos, Unordnung und vielen Einschränkungen führte, mit dem jungen Schimpansen zusammenzuleben. Das ist für beide Seiten, Mensch und Tier, schmerzlich, eine Quälerei, die aber von Karen Joy Fowler wie nebenbei und in selbstverständlichem Ton erzählt wird.

Eine ernste Thematik

Eine ernste Geschichte. Und als Fern weg ist, verändert dies alle Beziehungen in der Familie Cooke und verfolgt vor allem Rosemary während ihres gesamten Lebens. Die Familie wird auseinandergerissen, die Mitglieder haben kaum noch Kontakt zueinander. Vielleicht weil der Horror und die Grausamkeit, die der wissenschaftlich forschende Vater in die Familie brachte, zu groß war, sich niemand in der Familie gegen die legitimierte Quälerei der Kreatur Tier wehren konnte? Es ist ein Familiengeheimnis, das die Familienmitglieder aus der Bahn geworfen hat und Rosemary enthüllt es nach und nach, philosophiert darüber und spürt ihrer eigenen Mitschuld nach. Ohne zu moralisieren werden so Fragen nach der Ethik gegenüber Tieren gestellt oder die Frage, was den Menschen zum Menschen macht.

Leserinnen von Entwicklungsromanen, Menschen, die psychologisches Interesse haben oder in die Tiefe von Geschwister- und Eltern-Kind-Beziehungen blicken wollen, werden mit dem Buch Denkanstöße erhalten. Die Finger von dem Buch sollten dagegen alle die lassen, die sich nur unterhalten lassen wollen.

Übrigens: Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit, dem Kellogg-Experiment von 1931. Der Wissenschaftler Winthrop Kellog nahm damals einen siebenmonatigen Schimpansen in seine Familie auf, um ihn mit seinem zehnmonatigen eigenen Sohn aufzuziehen. Das Experiment musste abgebrochen werden, als das Menschenkind die Verhaltensweisen des Schimpansenkindes annahm und umgekehrt.