Diese Frage klingt im ersten Moment absurd: Städte sind doch offensichtlich künstliche, von Menschen geschaffene Gebilde. Sie werden zwar von Lebewesen bevölkert, aber sie selbst als Lebewesen zu bezeichnen, erscheint weit hergeholt.
Doch was ist überhaupt ein Lebewesen? Muss es aus „Fleisch und Blut“, aus Zellen und DNA bestehen? Oder ist diese Definition angesichts eines fast unendlich großen Universums, in dem Leben vielleicht auch auf ganz anderer Grundlage möglich ist, viel zu eng?
Ein allgemeiner, von Biologen benutzter Kriterienkatalog für den Begriff „lebendig“ umfasst die Merkmale Stoffwechsel, Wachstum, Energieaustausch mit der Umwelt und eine sich selbst stabilisierende Organisationsstruktur mit der Fähigkeit zur Selbstreproduktion. Doch legt man diese Kriterien an Städte an, dann wird es schwer, ihnen das Prädikat „lebendig“ vorzuenthalten.
Das Argument, Städte bestünden aus einer Ansammlung von Lebewesen und könnten deshalb selbst keines sein, sticht nicht: Auch Menschen bestehen aus Milliarden Zellen, von denen jede einzelne das Kriterium „lebendig“ erfüllt. Wir schleppen in unserem Inneren über 200 verschiedene fremde Spezies herum – Darmbakterien etwa – ohne die wir nicht leben können. In gewisser Hinsicht sind wir gigantische „Zell-Städte“.
Stimmt also etwas mit der obigen Definition nicht? Oder müssen wir Städte in Zukunft mit ganz neuen Augen betrachten?
Fragen wie diese beantworte ich in meinem Buch „Schöpfung außer Kontrolle – Wie die Technik uns benutzt“. Dabei geht es mir natürlich nicht um eine Definition des Begriffs „Leben“, sondern darum, ob unsere begriffliche Trennung in eine „künstliche“ und eine „natürliche“ Welt uns nicht den Blick für das Wesentliche verbaut: Dass nämlich auch Autos, Fernseher und Computer, ganze Städte und sogar Gedichte und Witze Produkte desselben Evolutionsprozesses sind, der auch Amöben, Quallen und Menschen hervorgebracht hat. Und wenn dieser Gedanke richtig ist, dann muss man sich vielleicht fragen: Brauchen uns die Dinge, die wir schaffen, irgendwann vielleicht nicht mehr?
„Schöpfung außer Kontrolle“ ist aber kein Plädoyer gegen technischen Fortschritt, und ich will auch keine neuen Ängste schüren. Stattdessen geht es mir darum, dass wir unserer eigenen Technik mit mehr Respekt und weniger Naivität, Arroganz und Überheblichkeit begegnen. Wenn das gelingt, müssen wir vor der Zukunft keine Angst haben.
Ein Gastbeitrag von Karl Olsberg
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